Hörst du mir überhaupt zu?!

Fangen wir es pädagogisch ungeschickt an und zeigen daran sogleich, wie es besser geht. Vernachlässigen wir also die neuropsychologischen Grundlagen und Erklärungen zu Beginn des verlinkten Textes, denn sie verbinden richtige Aussagen zur ADHS ("Kindern mit ADHS fällt es besonders schwer, ihre Aufmerksamkeit bewusst zu steuern") mit im Zusammenhang falsch gebrauchten Begriffen ("auditive Wahrnehmungsprobleme") oder falschen Vorstellungen beispielsweise von dem, was der amerikanische Kognitionspsychologe George Armitage Miller in seinem legendären Aufsatz "The Magical Number Seven, Plus or Minus Two: Some Limits on Our Capacity for Processing Information" 1956 über das Speichern von Informationen im Kurzzeitgedächtnis schrieb.

Von vorne: Miller hatte in seinen Studien beobachtet, dass Menschen in der Lage sind, zwischen 5 und 9 Gegenstände kurzzeitig im Gedächtnis zu behalten, um mit diesen quasi zu arbeiten. Wir brauchen diesen Zwischenspeicher, um beispielsweise längere Sätze zu verstehen, denn bisweilen erklärt erst ein Wort am Ende des Satzes, was der Beginn im Kontext des ganzen Satzes bedeutet. Hätten wir diesen Kurzzeitspeicher nicht, wäre ein mündlicher Austausch über komplexe Inhalte unmöglich.


Miller und eine Vielzahl von Forschern nach ihm gingen jedoch noch einen Schritt weiter. Sie beließen es in ihren Experimenten nicht dabei, Personen einzelne Ziffern, Buchstaben, Worte oder Gegenstände erinnern zu lassen, sondern setzten diese in einen Kontext, wie er im wirklichen Leben gegeben ist. Vier Ziffern hintereinander, die uns als Einheit nichts bedeuten, benötigen vier Speicherplätze im Kurzzeitgedächtnis, damit man sich an ihre Abfolge erinnern kann. Ergeben die vier Ziffern jedoch unser Geburtsjahr, brauchen sie nur einen Speicherplatz: die Einheit "Geburtsjahr". Wollen wir uns an die Ziffernfolge erinnern, so rufen wir sie uns ins Kurzzeitgedächtnis zurück, indem wir sie aus dem Langzeitgedächtnis abrufen. Die Einheit "Geburtsjahr" dient quasi als Link zur Ziffernfolge.

Im Alltag machen wir uns diese hierarchische Speicherung von Wissen im menschlichen Gedächtnis häufig zunutze, indem wir beispielsweise fest abgespeicherte Ziffernfolgen wie unser Geburtsdatum, die Postleitzahl des Wohnortes oder andere für uns bedeutsame fixe Ziffernfolgen als Code für einen Hotelsafe benutzen. Falls Sie sich nicht mehr daran erinnern: Hotels, das waren diese großen Häuser mit vielen Zimmern an schönen Orten, die man vor der Corona-Pandemie vorübergehend bewohnen konnte, wenn man nicht am Meer - großes, salziges Gewässer - wohnt und auch keine Freunde - Menschen, die man nicht nur über Facebook und Zoom kennt - mit Haus am Meer hat.


Mehrere Buchstaben können ein Wort und mehrere Worte einen Sinnzusammenhang bilden. Vor- und Familienname, Straße, Hausnummer, Postleitzahl und Ortsname sind als "Adresse" miteinander verbunden. Handelt sich dabei um unsere Adresse, braucht unser Kurzzeitgedächtnis dafür keine sechs Speicherplätze, sondern nur einen. Die Erinnerung an "Roman, wie oft hatten wir das jetzt schon? Ich bin es leid, jedes Mal wieder mit dir zu diskutieren! Kannst du jetzt bitte endlich deinen Schulranzen holen und mit den Hausaufgaben anfangen?!" braucht daher keine 30 Speicherplätze, um seine Aussagen im Kurzzeitgedächtnis zwischenzuspeichern, sondern nur 4: eine rhetorische Frage, die letztlich nur Kritik ist; eine weitere Kritik; zwei Aufforderungen. Jedes Schulkind, ADHS hin oder her, kann sich an diese Ansprache erinnern, wenn es sie gerade (einmal wieder) von Mutter oder Vater gehört hat. Es will sich jedoch nicht erinnern, denn wer lässt sich schon gerne beschimpfen und auf diese Weise zu einer Tätigkeit motivieren, die sie/er ohnehin nicht mag?! Daher stellt das Gehirn bereits nach der rethorischen Frage auf Durchzug, denn es glaubt längst zu wissen, was folgt. Und wahrscheinlich liegt es damit nichteinmal falsch ...


Mit was haben wir diesen Post vor fünf Absätzen begonnen? Ach ja, wir wollten in den unten verlinkten Text einführen und haben den Fehler gemacht, mit dem zu beginnen, was aus unserer Sicht weniger lesens- und erinnernswert ist. Schlauer wäre es gewesen, zunächst herauszustellen, was diesen Text wertvoll macht: eine Vielzahl an Tipps, wie Unterricht und Lernen mit ADHS-Kindern, letztlich aber mit allen Kindern besser gestaltet werden kann als es häufig geschieht. Hinzu kommen konkrete Beispiele, wie man es nicht machen soll und besser machen kann. Lesenswert!

Übrigens hat die ADHS nichts mit "auditiven Wahrnehmungsproblemen" zu tun, hingegen durchaus etwas mit Problemen beim Arbeitsgedächtnis, dem Teil unserer Gedächtnisfunktionen, der dazu dient, Informationen für ihre Verarbeitung im Kontext kurzzeitig im Bewusstsein zu halten. Der Unterschied zwischen Kurzzeitgedächtnis und Arbeitsgedächtnis liegt dabei nicht nur in seiner historischen Begrifflichkeit (der Begriff des Kurzzeitgedächtnisses wurde früher geprägt als der des Arbeitsgedächtnisses) und Konstruktion (Kurzzeitgedächtnis als genereller Zwischenspeicher, Arbeitsgedächtnis als funktionale Einheit mit unterschiedlichen zugrunde liegenden Systemen), sondern auch in der Perspektive. Die Idee eines Kurz- und Langzeitgedächtnisses teilt die Gedächtnisfunktion in einen Teil, der Informationen vorübergehend speichert, und einen Teil, der sie längerfristig oder auf Dauer erinnert. Die Idee des Arbeitsgedächtnisses betrachtet das Gedächtnis hingegen nicht unter dem Aspekt der Speicherdauer, sondern der sinneskanalspezifischen Informationsnutzung: wie werden visuelle, wie akustische Informationen zwischengespeichert; wie wird Wissen, wie werden Abläufe (z.B. Melodien, aber auch Bewegungen) langfristig erinnert. Die Zusammenhänge mit der ADHS sind dabei komplex und bislang weitgehend unverstanden.


https://www.mit-kindern-lernen…dern-durchdringen-koennen