Kinder in Gefahr?

Hier der Hinweis auf einen Beitrag zu den Pandemie-Folgen für Kinder, der von „arte“ produziert und u.a. auch auf Facebook veröffentlicht wurde. Wiewohl im Zusammenhang mit Lockdown und Homeschooling bereits viel über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Kinder und Jugendliche gesagt und geschrieben wurde, geht es in diesem Film um etwas Grundlegenderes als Familienstreit und Lerndefizite – es geht darum, wie sich eine ganze Generation und mit ihr unsere Gesellschaft unter dem Eindruck der Pandemie verändert.

Dabei ist das Dilemma, in dem sich Politik und Gesellschaft befinden, offensichtlich. Während Biologen und Medizinern von Beginn an klar sein musste, dass die Annahme, Covid-19 verbreite sich nicht über Kinder und Jugendliche, nicht sinnvoll war, war der gesellschaftliche Druck groß, daran zu glauben, denn die unmittelbaren Folgen der Schließung von Kindergärten und Schulen sowie der langfristigen Einschränkung der Sozialkontakte sind gewaltig. Zu sehr ist die institutionelle Betreuung von Kindern in unserer Gesellschaft längst zum integralen Bestandteil ihrer Funktion geworden: als kostenlose, quasi basisdemokratische Sicherstellung eines gleichberechtigten Zugangs zu Förderung und Bildung, nachgerade aber auch zur Freisetzung der elterlichen Arbeitskraft. Gleichermaßen müssen wir angesichts der Zeiten, die Kinder und Jugendliche bereits vor Corona mit Fernsehen und Computerspielen, in den sozialen Netzwerken und dem Internet verbrachten, fürchten, dass nach Corona alles noch viel schlimmer ist: bestenfalls zwei verlorene Schuljahre, schlimmstenfalls Millionen in die Isolation getriebene Kinder, verloren an digitale Medien und virtuelle Welten.

Nach und nach offenbart die Corona-Pandemie jedoch ein weitaus tiefer sitzendes gesellschaftliches Problem, das der Ausnahmezustand in Familien und Schulen nicht schuf, sondern allenfalls an die Oberfläche unserer Bewusstheit brachte: unser zunehmendes Verkennen dessen, was für Kinder in ihrer Entwicklung tatsächlich wichtig ist. In unseren gesellschaftlichen Strukturen haben wir die Interessen der Erwachsenen längst umfassend über die Bedürfnisse der Kinder gestellt. Diese Feststellung verkennt ihrerseits nicht, dass dies in früheren Zeiten kaum anders war, und stellt zugleich auch nicht in Abrede, dass keine Zeit und Gesellschaft vor der unsrigen ihren Blick mehr auf das Wohl der Kinder ausgerichtet und mehr in dieses Wohl investiert hat.

Allerdings leben wir heute nicht mehr unter den unabweisbaren materiellen Zwängen früherer Zeiten. Dennoch definieren wir das Kindeswohl weiterhin aus einer weitgehend materiellen Perspektive: als die Summe der Dinge, die Kinder besitzen; als die Größe des Raumes, der ihnen zur Verfügung steht, und die Menge an Spielzeug, die ihn füllt; als die Qualität des Essens, die Ausstattung des Klassenzimmers, die psychologische und medizinische Versorgung; als die Menge an Freizeit und Urlaubstaugen am Meer. Dies sind alles unbestritten wichtige Aspekte des täglichen Lebens, – und es sind die Kinder selbst, die uns jeden Tag verdeutlichen, wie wichtig ihnen ihre materielle Ausstattung ist.

Und doch stellt diese Perspektive die materielle Versorgung über die emotionale Beziehung! Sie quantifiziert das Kindeswohl, statt seine Qualität ins Zentrum unserer Wahrnehmung zu rücken. Der Fokus liegt auf einer individuellen Maximalausstattung für das einzelne Kind statt auf einer kinderfreundlichen Gesellschaft, die das Kindeswohl nicht als Recht des Individuums begreift, sondern als ein universelles Recht auf Kindheit. Es geht nicht darum, unter den gegebenen Umständen das Optimum für das einzelne Kind zu schaffen, sondern die Gesellschaft so zu gestalten, dass alle Kinder in ihr tatsächlich auch Kind sein können.

Worin liegt nun aber das Verkennen dessen, was für Kinder in ihrer Entwicklung wirklich wichtig ist? In drei Bereichen: Erstens in der Annahme, dass individuelle Maßnahmen stets wichtiger sind als strukturelle Bedingungen. Zweitens in der Vorstellung, dass jeder Mensch am besten weiß, was sie/er braucht, und daher auch das Kindeswohl dem Kindeswillen folgt. Drittens im Arrangieren mit Lebensbedingungen, die als gegeben akzeptiert werden, sodass zwar ihre Folgen therapiert, nicht aber die Ursachen angegangen werden.

Während des Lockdowns aufgrund der Corona-Pandemie stecken selbst vergleichsweise wohlhabende Familien in ihren Stadtwohnungen fest, in denen die Kinderzimmer oft den geringsten Raum einnehmen. Der Staat hat in den letzten 100 Jahren nichts gegen die Verstädterung des Lebens getan. Heute verbringt die Mehrheit der Kinder ihre Kindheit auf überfüllten Abenteuerspielplätzen, darf aus versicherungsrechtlichen Gründen aber nicht auf die Bäume im Stadtpark klettern. Die Bewegungsunfähigkeit aufgrund von Bewegungsmangel therapieren wir dann mit Ergotherapie und Psychomotorik. Institutionelle Freizeitangebote für Kinder haben die Selbstverständlichkeit des Lebens in der Gemeinschaft abgelöst, Online-Communities die Vereinsmitgliedschaft, Facebook-Freundschaften und virtuelle Spielwelten das Realitätserleben. Und wir Erwachsenen sind selbst schuld daran, denn wir glauben unseren Kindern, dass das Smartphone ihr wichtigster Begleiter ist, obschon wir es waren, die den Kindern zu zeigen vergaßen, wie schön und bedeutungsvoll die echte Welt diesseits ihrer medialen Vermittlung ist.

Dabei besteht die Welt aus mehr als nur Freizeit und Spiel. Wir haben die Kindheit zu einer reinen Entwicklungsphase degradiert, deren Sinn allein darin liegen soll, Kind zu sein und sich auf das Erwachsenenalter vorzubereiten. Auf diese Weise haben wir den Kindern die Würde und den Stolz genommen, etwas zu schaffen, was für die Welt der Erwachsenen wirklich bedeutungsvoll ist. Früher wurden aus den meisten Schulversagern gute Handwerker, Landwirte, Geschäftsleute, - und ihre Eltern wussten das und vertrauten darauf, weil die Kinder längst in ihren Betrieben, auf dem Hof und beim Handel mitarbeiteten. Heute sind Schule und Lernen alles. Schulversagen ist das größte familiäre Drama, Förderung vom Babyschwimmen über Englisch im Kindergarten bis zum außerschulischen Abi-Kurs höchste Elternpflicht. Alles wichtig, doch nichts macht Kinder glücklicher und selbstsicherer, als ein anerkannter Teil der Erwachsenenwelt zu sein! Kein Lernen ist selbstverständlicher als die Erfahrung der eigenen Tätigkeit!

Letztlich haben wir unsere Kinder in gleicher Weise marginalisiert wie die Alten, Kranken oder Behinderten in unserer Gesellschaft. Wir haben das Seniorenzentrum mit täglichem Kultur- und Animationsprogramm zum Inbegriff selbstbestimmten Alterns erklärt, um zu kaschieren, dass wir die alten Menschen nicht mehr brauchen und es uns leisten können, sie außerhalb unserer Familien versorgen und betreuen zu lassen. Wir werden immer älter, doch statt zu fordern, dass Menschen mit 70 Jahren noch ein integraler, bedeutsamer, Werte schaffender Bestandteil der Gesellschaft sind, sehen wir in einer möglichst frühen Verrentung ein erstrebenswertes Ziel. Wir reklamieren das Recht auf Kranksein und die maximale soziale Unterstützung der Kranken, anstatt gesellschaftliche Strukturen zu schaffen, welche die Gesundheit befördern. Unsere soziale Akzeptanz von Behinderung artikuliert sich in ihrer verbalen Umwertung zur Herausforderung wie auch der Integration zur Inklusion, doch am Ideal des hochbegabten, hochleistenden und wirtschaftlich erfolgreichen Individuums halten wir fest.

Ja, das Individuum ist unser Gott geworden! Jeder weiß am besten, was gut für sie/ihn ist. Auf diese Weise suggerieren wir dem Einzelnen, dass er frei ist; rennt er sich an der Wirklichkeit seinen Schädel ein, soll das nicht das Problem der Gesellschaft sein. Unser Respekt vor dem Individuum erschöpft sich allerdings in unserer Gleichgültigkeit angesichts seines Schicksals. Wenn das Kind nichts lernen will, dann will es nicht. Wir wünschen uns den Schulunterricht wie eine Stunde Einzeltherapie – jedes Kind soll abgeholt werden, wo es stehengeblieben ist, umworben und unterhalten von spielerischen Lernangeboten, nicht gefordert und gefördert von Erwachsenen, die ihren Lehrauftrag ernstnehmen. Statt uns als Gesellschaft der Aufgabe zu stellen, dass jedes Kind lesen, schreiben und rechnen lernt, suchen wir in psychologischen und psychiatrischen Untersuchungen aufwendig nach Gründen, warum es das im Einzelfall nicht kann, um sodann nicht den Erwerb der Kulturtechniken zu fördern, sondern das Integrationsrisiko zu therapieren.

Das ist nur konsequent, denn die Lehrpläne unserer Grundschulen sind vom Auftrag der Informationsvermittlung geprägt, nicht aber der Vermittlung von Fertigkeiten, die eigenständiges Aufnehmen und Verarbeiten von Informationen erlauben. Eigentlich sollte in Grundschulen nichts anderes unterrichtet werden als Lesen, Schreiben, Rechnen, Musik, Kunst und Sport. Diese Fächer sind die Voraussetzung dafür, dass Kinder eigenständig Informationen sinnverstehend aufnehmen, sich selbständig in unvertrauten Umgebungen orientieren und mit anderen umfassend kommunizieren können; dass sie in wirtschaftlichen Fragen nicht über den Tisch gezogen werden; dass ihre musischen Talente nicht verborgen bleiben und ihr Bewegungsapparat trainiert wird. Ein guter Kindergarten und eine gute Grundschule brauchen keinen Computer und kein Smartboard, keine individualisierten Lernziele und keinen Fremdsprachenunterricht! Sie brauchen in Spiel und Lernen eine unbedingte soziale Gemeinschaft als Vorbereitung auf ein der eigenen Verantwortung bewusstes Leben in der Gesellschaft.

Denn nachgerade darin liegt der Sinn von Schule, echter schulischer Gemeinschaft im Klassenzimmer: im sozialen Lernen. Autonomes Denken braucht die Fähigkeit und Fertigkeit zum autonomen Wissenserwerb, aber auch zur Nutzung des Wissens in der Gemeinschaft! Ein kognitiv hochbegabtes Kind, das unerfahren und unfähig im Umgang mit anderen Kindern ist, mag sich in seiner Einsamkeit einrichten, doch seine Talente sind für die Gesellschaft verloren. „Digitales Lernen“ oder „Distanzlernen“ sind Euphemismen für seelenloses Lernen, frei von Emotionen, abseits sozialer Erfahrungen. Die Corona-Pandemie hat der längst begonnenen sukzessiven Entfremdung des schulischen Lernens von der sozialen Realität, von der Gemeinschaft und der individuellen Bedeutsamkeit für die Gemeinschaft einen irrsinnigen Schub verpasst – im eigentlichen Sinne des Wortes „irr“ nicht nur in seiner Geschwindigkeit, sondern nachgerade auch der Verkennung der Folgen für die menschliche Gemeinschaft.

Will man der Corona-Pandemie, dem Umgang mit ihr und ihren Folgen etwas Positives abgewinnen, so sollte man sie als Warnung begreifen, wie verletzlich unsere Gesellschaft geworden ist, da sie all ihre Ressourcen auf einen einzigen Lebensentwurf setzt: Weitermachen wie bisher! Die Akzeptanz umfassender Ungleichheit in der Verteilung der materiellen Ressourcen, aber auch von Bildung stellt ein zunehmendes Risiko für das Überleben der Menschheit dar. Nicht heute und nicht morgen, aber übermorgen, da der massenhafte Verzicht, unsere Kinder zum eigenständigen Denken in der Gemeinschaft zu erziehen und dieser Erziehung höchste Priorität einzuräumen, den Zeitpunkt der Erkenntnis hinauszögert, dass Egoismus und Isolation für jede Spezies langfristig tödlich sind. Aus dieser Perspektive ist das Corona-Virus vielleicht noch viel tödlicher als wir glauben, denn es trifft uns an unserer schwächsten Stelle: dass wir unseren Kindern nicht mehr erlauben, über uns hinauszuwachsen.