Na, heute schon ADHS diagnostiziert?

Überlesen wir den leicht polemischen Titel des Artikels, der einer boulevardmedizinischen Seite, nicht aber dem Thema entspricht. Dennoch ist die Meta-Studie, die dem Artikel auf DocCheck zugrunde liegt, insofern interessant, als sie auf Verschiebungen im Fokus auf die ADHS hinweist. Wurden in den vier Jahrzehnten, die der Aufnahme der ADHS in die weltweit gebräuchlichen Diagnosemanuale ICD und DSM folgten, zunächst vor allem die Kinder diagnostiziert und behandelt, die ausgeprägte Symptome der Impulsivität und Hyperaktivität zeigten, richtete sich die Aufmerksamkeit von Wissenschaft und Klinik in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten zunehmend auf die Aufmerksamkeitsstörung. Nun führten häufig auch mildere Ausprägungen der externalisierenden Symptomatik zur Diagnosestellung.


Die Doktorandin der Universität Sydney, Luise Kazda, nahm nun in ihrer Meta-Studie 334 Primär- und Sekundärstudien zu Kindern im Alter bis 18 Jahren, die in den letzten zehn Jahren v.a. in Nordamerika und Europa veröffentlicht wurden, unter die Lupe und wertete die Daten im Hinblick auf eine Zunahme der Diagnose aus. Sie kam zu dem Schluss, dass im Mittel nicht die Häufigkeit und Intensität der ADHS-Symptomatik zunahmen, Wohl aber die Häufigkeit der Diagnosestellung.


Zugleich beschreibt Kazda, was als erster der US-Wirtschaftswissenschaftler Todd Elder vor rund zehn Jahren beobachtet hatte: Jüngere Kinder in Schulklassen erhalten tendenziell häufiger eine ADHS-Diagnose und werden sodann häufig auch medikamentös behandelt. Zahlreiche weitere Studien replizierten den Befund von Elder auch in anderen Ländern. Allerdings wies Elder selbst in seiner umfangreichen Untersuchung darauf hin, dass einerseits zwar von einer Überdiagnose der ADHS bei jüngeren Kindern auszugehen ist, dies jedoch zugleich zur Maskierung von Auffälligkeiten bei älteren Kindern führt, deren Schwierigkeiten in der Aufmerksamkeitssteuerung im Klassenverband nicht erkannt werden, da die Aufmerksamkeit von Lehrern und Fachleuten stets eher auf das Problemverhalten der jüngeren, stärker impulsiven und hyperaktiven Kinder gerichtet ist.


Bereits die Wortwahl im vorangegangenen Absatz macht deutlich, wie komplex das Thema und seine Wahrnehmung sind. Wir sprechen von der Aufmerksamkeitsstörung der Kinder, aber auch der Aufmerksamkeit von Lehrern und Fachleuten. Der unterschiedliche Gebrauch steht für eine unterschiedliche Perspektive auf die Aufmerksamkeit: zum einen die Aufmerksamkeit als Disposition, die, ungeachtet ihrer Willkürsteuerung, bei ADHS-Betroffenen auf neurophysiologischer Grundlage gestört ist; zum anderen die Aufmerksamkeit als Folge eines Interesses, sich mit einem bestimmten Gegenstand zu befassen.

Studien und ihre Interpretation wie die von Luise Kazda werden, wie der Vorsitzender des Netzwerks für Kinder- und Jugendgesundheit am Royal Australian College of General Practice (RACGP) im Artikel zitiert wird, absehbar dazu beitragen, dass Eltern, Lehrer und Fachleute insgesamt weniger auf die ADHS-Symptomatik des einzelnen Kindes achten werden, als bedeutete der Umstand, dass die ADHS in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe um 25% überdiagnostiziert ist, dass generell zu viele ADHS-Diagnosen gestellt werden und 25% weniger Aufmerksamkeit auf die ADHS-Symptomatik dazu führen würde, eine realistischere Zahl an Diagnosen - zudem nur bei den tatsächlich betroffenen Kindern - zu stellen.


Tatsache ist jedoch, dass wir vor dem Hintergrund der im Kontext ihrer dispositionellen Ursache zu erwartenden Prävalenz der ADHS in bestimmten Altersgruppen - z.B. den jüngsten Kindern in für sie neuen Anforderungssituationen wie dem Eintritt in die Schule - von einer relativen Überhäufigkeit der Diagnosestellung ausgehen müssen, in anderen Altersgruppen mit einer eher zu geringen Diagnosestellung.

Insofern hat die Studie von Luise Kazda nachgerade dann, wenn wir uns über einen provokativen Titel wie den bei DocCheck aufregen, den positiven Effekt, dass wir unsere Aufmerksamkeit der Frage zuwenden, ob sich die Wirklichkeit tatsächlich dadurch verändert, dass wir sie generell 25% weniger ernst nehmen oder das Viertel Realismus durch fünf 25% mehr esoterische Vorstellungen ersetzen, wer oder was die ADHS-Symptomatik sonst noch ausgelöst haben könnte. Mutmaßlich Wird Ihre Antwort auf diese Frage davon abhängen, wie viel Aufmerksamkeit Sie bereits zuvor den Befunden der ADHS-Forschung zuwandten - oder aber Sie seit Jahrzehnten einer Ätiologie von Verhaltensstörungen anhängen, die Sie vor 40 Jahren lernten, für plausibel erachteten und danach nie mehr infrage stellten.


Link zu dem Artikel: https://www.doccheck.com/de/de…schon-adhs-diagnostiziert


Übrigens gibt es auf der Seite von DocCheck einen guten Kommentar einer Mutter zum Artikel:

Zitat

"Mein Sohn - inzwischen 29 Jahre alt - bekam mit 6 Jahren die Diagnose ADHS. Seine 9 Jahre Schulzeit waren schlimmer als meine 20 Jahre Schule und Uni. Er konnte machen, was er wollte, es hat nie gereicht. Er hatte eine Lehrerin in der Hauptschule, sie war die einzige mit klaren Grenzen und logischen Konsequenzen im Unterricht und sie hatte an meinem Sohn nie etwas auszusetzen. [...]

Zitat

Viele sollten ihre Kinder besser beobachten und schauen, was gut und toll an ihnen ist und nicht nur drauf rum reiten, dass sie eben nicht mit 4 Jahren schon 1 Stunde im Stuhlkreis sitzen wollen, sondern sich bewegen und alles ausprobieren und testen. Ben hat alles getestet, Maschinen und Menschen, das war und ist sein Weg, die Dinge zu lernen. Wichtig war immer eine KLARE Grenze, die gibt Halt. Für diese Erkenntnis waren wir 10 Jahre in Familientherapie und die Therapeutin hat mir übersetzt, was in meinem Kind vor sich geht. Er hat 1 Jahre Ritalin genommen und es dann verweigert, wollte immer nur "normal" sein. Man muss mit dieser Diagnose vorsichtig umgehen und in der Therapie mehrgleisig fahren. Dann kann die Entwicklung - mit Gottes Segen und der Hilfe vernünftiger Mitmenschen - sehr gut gelingen."