Haben Sie häufig Angst?

Haben Sie häufig Angst? Es gibt eine Vielzahl von Gründen für Ängste und eine häufig berechtigte Furcht vor bestimmten Gegenständen oder Situationen. Immerhin ist Angst ein evolutionär sinnvoller Mechanismus, so lange er uns zur Vorsicht gemahnt, ohne uns durch Vermeidung einzuschränken oder durch Panik zu lähmen. Wissen kann ängstigen, aber auch zur Angstkontrolle beitragen. Dabei kommt es darauf an, mit welcher Absicht Informationen vermittelt und aufgenommen werden.


Die ADHS weist eine erhöhte Komorbidität mit Angststörungen auf. Das kann an einer Überschneidung einzelner Symptome (z.B. eine größere Reizoffenheit) oder einer partiell gemeinsamen neurophysiologischen Disposition liegen (z.B. im präfrontalen Kortex, aber auch der Amygdala und anderer Hirnregionen).

Bisweilen resultiert die Angst auch im Fall der ADHS - sei man nun betroffen oder ein Angehöriger - allerdings schlicht aus tendenziösen bis falschen Informationen. Wer aber sollte ADHS-Betroffenen und ihren Angehörigen Angst einflößen wollen? Und warum?


Würden Sie eine Psychotherapie über 50 oder 100 Stunden absolvieren, fühlten Sie sich psychisch gesund? Würden Sie Ihr Kind jahrelang epileptischen Anfällen aussetzen, wenn es eine wirksame Medikation gegen die Epilepsie gibt? Wahrscheinlich nicht. Es gibt jedoch viele Personen, die an einer Psychotherapie gut verdienen - nicht anders als Pharmafirmen an Medikamenten.


Viele Krankheiten haben physische und psychische Anteile. Körper und Geist des Menschen sind durch ein komplexes Zusammenspiel von genetischer Disposition, Prägung durch die Umwelt und Strategien zur situativen Problembewältigung bestimmt. Stress ist im Denken der meisten Menschen negativ besetzt, dabei ist er zunächst einmal nichts anderes als eine Anpassungsreaktion. Würden Sie jedoch einen Stress-Ratgeber kaufen, fokussierten Sie auf den produktiven Aspekt des Stresses?

Was liegt also näher, wenn Sie Ihre Therapie für ein bestimmtes Leiden verkaufen wollen, für das es bereits wirksame Behandlungsformen gibt, als das Leiden in seiner Einheit zu leugnen, um seine Symptome anders zu erklären und nun die zu ihrer Interpretation der Symptomatik passende Heilung anzupreisen?


Im Fall der ADHS ist das ganz einfach. Sie leugnen die in tausenden von wissenschaftlichen Studien belegte und zudem neurophysiologisch stringent zu erklärende Trias aus Impulsivität, Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität. Dazu ignorieren Sie einfach das gemeinsame Auftreten bestimmter Symptome und postulieren für jedes einzelne Symptom eine mehr oder minder plausibel anmutende Erklärung. Das ist ungefähr so, als würde die Polizei bei der Aufklärung einer Brandstiftung mitteilen, dass im Dachstuhl, von dem das Feuer ausging, zwar ein Benzinkanister gefunden wurde und der Hauseigentümer zuvor Drohbriefe erhalten hatte, aber das ist bedeutungslos, denn es gibt ja auch Dachstühle mit Benzinkanistern, die nicht brennen, und Briefe, deren Drohungen nicht wahr werden, und Häuser, die aus anderen Gründen abbrennen ...

Nun müssen Sie noch erfolgreiche Therapieformen diskreditieren. Nichts einfacher als das, handelt es sich bei der empirisch hilfreichen Therapie um eine medikamentöse Behandlung, denn Medikamente sind ja grundsätzlich unnatürlich und dienen einzig dazu, ihre Hersteller reich zu machen. Demgegenüber ist Psychotherapie sanft und Ratgeberliteratur unschuldig, schließlich ist Reden zwar nur Silber, doch auch die beste Anleitung, wie man ein Haus in Brand steckt, ist per se noch keine Brandstiftung ...

Im Fall der ADHS sind es stets die gleichen Argumente, welche gegen ihre medikamentöse Behandlung, die sich weltweit aufgrund der millionenfachen Erfahrung ihrer Wirksamkeit als Standardtherapie durchgesetzt hat, in Anschlag gebracht werden. Erstens: Die Medikation therapiere nur die Symptome, jedoch nicht die Ursachen; ignorieren wir für diese Feststellung schlicht den Umstand, dass sie in den für die ADHS ursächlichen Neurotransmitterstoffwechsel eingreift, der nur dann relevant ist, wenn man Betroffenen und Angehörigen mit ominösen Veränderungen im Gehirn Angst machen möchte.


Zitiert man als ADHS-Kritiker und Psychothreapieverkäufer eine vermeintlich passende Studie, schreibt man von "signifikante[n] Veränderungen im Gehirn von Kindern, die bei Erwachsenen nicht vorhanden waren" und zudem nicht hilfreich seien. Liest man den Originaltext, zeigt sich die Veränderung - eine stärkere Hirndurchblutung als Reaktion auf die Medikation - noch eine Woche nach einer viermonatigen Gabe von Methylphenidat, die bei den untersuchten Kindern jedoch keinen persistierenden therapeutischen Effekt auf die ADHS-Symptomatik erbrachte. Selbst die Autoren schreiben in ihrem Fazit, dass diese Veränderung kurzfristig weder gut noch schlecht sei; langfristig wisse man nicht, was sie bedeutet. Leider weiß man auch nicht, ob die neurophysiologische Veränderung, die funktional und nicht strukturell beobachtet wurde, länger als eine Woche persistiert, denn das haben die Studienautoren nicht untersucht.


Zweitens: ADHS-Medikamente haben stets furchtbare Nebenwirkungen (Schlafstörungen, Appetitmangel, Verminderung des Längenwachstums um max. 3 cm bis zum Erwachsenenalter), sind ansonsten jedoch wirkungslos, schließe man alle Studien aus, die das Gegenteil beweisen, wenn es eine Verbindung zwischen den Studienautoren und den Pharmafirmen gibt, und sei es nur die, dass man zur Durchführung der Studien auf die entsprechenden Medikamente zurückgreifen musste.

Drittens: ADHS-Medikamente machen süchtig, weil sie auf Substanzen beruhen, die chemisch Substanzen ähneln, die missbraucht werden können. Das schaffen diese Wundermittel aufgrund ihres erstaunlichen Keine-Wirkung-viel-Nebenwirkung-Profils, denn sie stellen ungeachtet ihrer Wirkungslosigkeit dennoch ruhig, was Drogenkonsumenten unter allen Effekten des Drogenkosums (u.a.. Euphorie, schier endlose Wachheit und Energie, lustige Halluzinationen, etc.) bekanntermaßen am meisten schätzen!

Fehlt ADHS-Kritikern noch das ultimative Argument gegen die medikamentöse Behandlung der ADHS, so greifen sie die Behauptung des Präsidenten der "National Rifle Association" (NRA), der US-amerikanischen Waffenlobby, auf, dass die meisten Täter von Schießereien in Schulen in den USA irgendwann einmal ADHS-Medikamente oder andere Psychopharmaka einnahmen. Das ist der Grund dafür, dass Kinder Amok laufen und dabei zig andere töten können, nicht der Umstand, dass Gewalt in den US-Medien ubiquitär ist und es in fast jedem US-Haushalt Schusswaffen gibt. Die Behauptung der NRA ist zwar falsch, lenkt aber ganz wunderbar davon ab, dass wissenschaftliche Untersuchungen zur Psychopathologie von Kindern und Jugendlichen, die ihre Lehrer und Mitschüler erschossen, eher darauf hinweisen, dass diese unter psychischen Störungen litten, die unseligerweise nicht behandelt wurden, allerdings allzu leichten Zugang zu Waffen hatten.

Am Ende plädieren Sie als ADHS-Kritiker dafür, dass Ihr Angebot der 100-stündigen Psychotherapie einer Störung, von der Sie sagen, dass es sie nicht gibt, diese am besten behandelt. Zugleich sind Sie frei, in Ihrer therapeutischen Praxis alles zu sagen und zu tun, was Sie wollen, denn eine Therapie, die eine Störung behandelt, die es nicht gibt, mit einem Effekt, der kaum wissenschaftlich evaluiert wurde, verpflichtet weder Therapeut noch Patient auf ein sinnvolles Ergebnis. Hauptsache, die Krankenkasse zahlt, der Therapeut fühlt sich besser - und ist ein bisschen wohlhabender!


Link: https://www.politifact.com/fac…lin-school-shootings-nra/