ADHS-Aberglaube

Ein weiterer Artikel, den Sie nicht gelesen haben müssen und der der dennoch wichtig ist. In ihrer Übersichtsarbeit "Executive Function and Theory of Mind in Children with ADHD: a Systematic Review" fassen Wilmar Pineda-Alhucema und Kollegen die Erkenntnisse von 15 Studien zum Thema "Exekutive Funktionen" (EF) und "Theory of Mind" (ToM) bei ADHS zusammen - qualitativ, denn die verwendeten Verfahren und damit erhobenen Daten waren zu unterschiedlich, um sie einer statistischen Metaanalyse zu unterziehen.


Sucht man den Term "Executive Functions" in der Datenbank "PubMed" des US-Gesundheitsamts, ergibt die Suchanfrage 10.360 Treffer; "Executive Functions" und "ADHD" erbringt immerhin noch 837 wissenschaftliche Veröffentlichungen, in denen beide Begriffe eine Rolle spielen. Verbindet man ADHD, EF und ToM bleiben bei PubMed nurmehr 17 Studien übrig. Pineda-Alhucema et al. hatten mit zusätzlichen Begriffen nach entsprechenden Studien gesucht und zunächst 79 Studien zum Thema identifiziert, wobei zahlreiche dieser Studien den Zusammenhang nicht als zentralen Gegenstand hatten. Am Ende ihrer Bemühungen bestätigen sie den Schluss, den Kofler et al. (2018) bereits in ihrem Artikel "Executive Functioning Heterogeneity in Pediatric ADHD" zogen:


"The current results confirm that ADHD is characterized by neurocognitive heterogeneity, while suggesting that applying contemporary criteria informed by cognitive science to executive function may provide improved precision for identifying a smaller number of neuropsychologically impaired subtypes than previously described." Die Ergebnisse bestätigen, dass die ADHS durch eine große neurokognitive Heterogenität gekennzeichnet ist, und legen nahe, dass die Anwendung aktueller Kriterien der Kognitionswissenschaften im Kontext der Exekutiven Funktionen die Genauigkeit in der Identifikation von kleineren Gruppen mit neuropsychologischen Einschränkungen im Vergleich mit früheren Beschreibungen verbessert.


Was heißt das? Es gibt eine Flut von Studien zu den Exekutiven Funktionen, die als funktionale Einheit kognitiver Prozesse eine valide und reliable Beschreibung spezifischer Leistungen des Gehirns darstellen. Kein seriöser Kognitionswissenschaftler bestreitet heute noch die Sinnhaftigkeit des Konzepts der "Exekutiven Funktionen". Niemand hat jemals behauptet, dass eine Beeinträchtigung der EF die ADHS als Störung bedingt.


Lesen Sie also auf Seiten der deutschen ADHS-Kritik Sätze wie diese: "Es ist strittig, ob es [gemeint ist wohl: EF] sich hirnbiologisch wirklich um eine eigene Kategorie handelt. Und es ist nicht belegt, dass es sich bei ADHS um eine spezifische Störung der Exekutivfunktionen handelt", dann wissen Sie, dass ihr Autor weder von der ADHS noch von den EF irgendetwas versteht, denn es ging bei den EF nie um eine "hirnbiologische Kategorie" (was immer das sein soll) oder in ihrem Zusammenhang mit der ADHS um eine Kausalität. Vielleicht erinnert Sie dieser Satz gar fatal an den Unfug, den dieselbe Person aus gleichermaßen fehlendem Wissen und Verständnis über die Epigenetik schrieb.


Lassen Sie sich daher vom pseudowissenschaftlichen Geschwurbel der deutschen ADHS-Kritik nicht beirren. Überschriften wie "ADHS-Aberglaube 2: STÖRUNG DER EXEKUTIVFUNKTIONEN?" sind lediglich ein Beweis dafür, dass ihr Autor von ihm unverstandene Schlagworte dazu benutzt, die Aufmerksamkeit auf sein profundes Halbwissen zu lenken. Substanzielle Informationen zur ADHS erhalten Sie hingegen auf unseren Internet-Seiten!


https://link.springer.com/article/10.1007/s11065-018-9381-9

Antworten 3

  • Was bedeutet "EF"?

    Danke 1
  • Was bedeutet "EF"?

    Exekutive Funktionen

  • Vielen Dank für die schnelle Antwort! Damit kann ich jetzt mehr anfangen. Es ist wirklich traurig, wieviel Unsinn über ADHS verbreitet wird. Ich frage mich, weswegen gerade dieses Störungsbild so viel Unverständnis auslöst bzw. dessen Existenz gänzlich bestritten wird. Es könnte vermutlich sehr viel mehr Menschen mit ADHS - gerade auch Erwachsenen - geholfen werden, wenn sowohl von Seiten der Presse als auch von Ärzten und Psychotherapeuten evidenzbasiert an das Thema herangegangen würde und Gerüchten und Falschinformationen weniger Glauben geschenkt, bzw. diese öfter klargestellt. Es gibt ja Menschen, die sich mit dem Thema auskennen, nur hört man von denen in der Öffentlichkeit noch zu wenig. Ich hoffe, dass irgendwann - wie mittlerweile bei Depressionen - durch seriöse Berichterstattung die Öffentlichkeit besser informiert wird. Wir betroffenen wissen das ja, aber viele behaupten immer noch ADHS wäre eine Erfindung der "Pharmaindustrie", lebhafte Kinder würden "ruhiggestellt" (was für ein Unsinn, wenn man weiß um welches Medikament es sich handelt und wie es bei betroffenen und nicht betroffenen wirkt).... Ihr kennt das ja alles.

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