We Need to Rename ADHD

Auf der Internetseite von "Scientific American" erschien im März 2021 ein Artikel des Kinder- und Jugendpsychiaters Branko van Hulst, des Geisteswissenschaftlers Sander Werkhoven sowie der Neurobiologin Sarah Durston. Alle drei arbeiten an niederländischen Universitäten bzw. sind mit diesen verbunden. Titel des Artikels: „We Need to Rename ADHD – Calling the condition a disorder falsely implies we know of a cause located in the brains of people diagnosed with it ¬– and we don’t”, zu Deutsch: “Wir müssen der ADHS einen neuen Namen geben – die Kondition eine Störung zu nennen, impliziert fälschlicherweise, wir wüssten die Ursache im Gehirn der Patienten, welche die Diagnose erhalten, doch das tun wir nicht“.


Nun kann man darüber streiten, ob der Begriff der Störung tatsächlich eine bestimmte Ätiologie bedingt, zumal eine, die ausschließlich mit dem Gehirn in Verbindung steht. Zudem sind die Autoren nicht die ersten, die eine Umbenennung des Störungsbild fordern. Russell Barkley, einer der führenden Neurowissenschaftler auf dem Feld der ADHS, schlägt seit Jahrzehnten die Umbenennung der ADHS in „Verhaltenshemmungsstörung“ vor. Ein solcher Schritt würde van Hulst, Werkhoven und Durston wohl kaum zufriedenstellen, da der neue Name noch immer den Begriff der Störung beinhaltet, doch ist dieser der Idee einer Differenzierung zwischen Gesundheit und Krankheit letztlich inhärent. Mag uns nicht zuletzt von ADHS-Kritikern die soziale Konventionalität von Störung und Krankheit als radikal moderne Idee vorgetragen werden, so ist sie doch ein alter Hut, allerdings einer, der sich nicht leicht ablegen lässt, solange man u.a. soziale Zuwendungen an spezifische Defizite einer normativen Leistungsfähigkeit knüpft.


Die Probleme, welche die Autoren in ihrem Artikel ansprechen, sind nicht neu. Zunächst verweisen sie auf den Umstand, dass in den USA, aber auch in Deutschland und anderen Ländern jüngere Kinder in Schulklassen häufiger die Diagnose einer ADHS erhalten, was ein klarer Hinweis auf soziale Faktoren im diagnostischen Prozess ist. Der Wirtschaftswissenschaftler Todd Elder war der erste, der diesen Zusammenhang im Jahr 2010 für 40 US-Bundesstaaten aufzeigte. Er errechnete auf Grundlage der ihm zur Verfügung stehenden Daten eine Häufigkeit von 25% aller ADHS-Diagnosen, die möglicherweise falsch sind, da sie auf einen Entwicklungsstand der betroffenen Kinder rekurrieren, der im Vergleich mit älteren Klassenkameraden defizitär erscheinen mag, jedoch nicht ADHS-spezifischer Natur ist. Elder weist jedoch zugleich darauf hin, dass die Aufmerksamkeit, die diesen i.d.R. externalisierenden Verhaltensauffälligkeiten (Impulsivität, Hyperaktivität) im Klassenverband zukommt, möglicherweise eine Pathologie (Aufmerksamkeitsstörung) im Fall anderer Kinder in derselben Klasse maskiert.


Werden Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität nun mit der ADHS gleichgesetzt, so besteht die Gefahr eines Zirkelschlusses: Das Kind ist unaufmerksam, hyperaktiv und impulsiv, also hat es ADHS; es hat ADHS, also ist es unaufmerksam, überaktiv und impulsiv. Der Psychologe und Philosoph Stephan Schleim, der sich in der Vergangenheit einen Namen als Psychiatrie- und insbesondere ADHS-Kritiker im deutschsprachigen Raum machte, nennt dies in einem jüngst auf der Internetseite des Heise-Verlags erschienenen Artikel fälschlicherweise eine Tautologie und verquickt den Artikel der niederländischen Wissenschaftler darüber hinaus mit einer leicht paranoid angehauchten Gesellschaftskritik. Branko van Hulst et al. machen hingegen klar, dass es ihnen nicht per se um den Zirkelschluss geht, sondern um die Effekte einer fehlenden Reflexion dieses Zirkelschlusses. Zu Recht fürchten sie, dass im Alltag nicht mehr angestrebt wird, die situativ beste Lösung für ein in seinem sozialen Kontext auffälliges Kind zu finden, sondern einem Kind, hat es seine Diagnose nun zu Recht oder aber fälschlicherweise erhalten, die beste Therapie angedeihen zu lassen.


Letztlich kritisieren die Autoren die Basis der phänomenologischen Psychiatrie, d.h. eine Psychopathologie und Psychotherapie, die sich an einer Klassifikation subjektiver Symptome orientiert, die sie auf statistischer Grundlage zu Störungsbildern gruppiert. Aus gemeinsam auftretenden Symptomen der Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität wird die ADHS. Es wäre – nicht zuletzt für die Betroffenen – wunderbar zu wissen, was dieses Syndrom, d.h. die spezifische Summe der Symptome, verursacht, unter dem viele Menschen in allen Gesellschaften leiden. In der Medizingeschichte war es allerdings häufig so, dass aus Erfahrungen entstandene Behandlungsansätze viele Krankheiten linderten, wenn nicht gar heilten, ohne dass die Ursache der Krankheit und der Wirkmechanismus der Therapie verstanden wurden. In diesem Sinne gibt es heute auch im Fall der ADHS ganz unterschiedliche Behandlungsformen, die sich in der einen und anderen Form bei vielen Betroffenen (keine Behandlungsform jedoch bei allen!) als wirksam erwiesen haben: für den Einzelnen u.a. kognitive Verhaltenstherapie, an die Lebenssituation angepasstes Coaching und Medikation, für das soziale Umfeld u.a. Elterntraining, Familientherapie und Selbsthilfe.


Macht es für die Betroffenen, ihre Familien und das Gesundheitssystem wirklich einen Unterschied, ob wir Probleme in der Willkürsteuerung der Aufmerksamkeit, eine für Alter und gesellschaftlichen Kontext überdurchschnittliche motorische Aktivität sowie eine Impulsivität, welche Menschen in ihrem sozialen Umfeld in Schwierigkeiten bringt, zwar als solche feststellen, ihre Auffälligkeit aber, obwohl sie für die Umwelt störend ist, nicht länger als Störung bezeichnen? Stephan Schleim macht aus „We need to rename ADHD“ die Überschrift „Nein, Ihr Kind ist nicht krank!“, aus einem Zirkelschluss eine Tautologie (als begründeten sich Symptomatik und Störungsbegriff nicht wechselseitig, sondern meinten beide dasselbe überflüssige Ding), aus der Kritik an der Diagnose „ADHS“ eine Generalabrechnung mit der Psychiatrie, nicht zuletzt aus der Kritik an der ADHS-Kritik ein persönliches Fallbeispiel, als seien seine Freiheit, seine Karriere und sein Leben wie auch die Freiheit anderer Wissenschaftler, deren Karrieren und Leben von einem ominösen kapitalistischen Machtapparat bedroht, der alle benachteilige, einschüchtere und eliminiere, die anderer Meinung sind. Anderer Meinung als er, der als Reaktion auf seine Kritik „selten guten Argumente“ erhalte …


Was bleibt, wenn wir die ADHS auf die Frage nach ihrer Existenz reduzieren? Die Philosophie hat sich in ihrer Geschichte auf weitaus grundsätzlichere Weise mit dem Sein und Dasein der Dinge befasst. Dabei hat sie ihre religiöse Fundierung, ihre Moral, ihren kategorischen Imperativ, ihre in der Vergänglichkeit alles Lebenden begründete fundamentale Unsicherheit nach und nach hinter sich gelassen. Martin Heidegger hat schließlich mit der Philosophiegeschichte gebrochen und Jahrtausende der Auseinandersetzung mit dem Leben auf eine simple Formel gebracht: Der Sinn des Lebens ist seine Zeitlichkeit. Wir können unser Leben damit vergeuden, es an unendlich viele Dinge zu binden und zu relativieren, statt es im Bewusstsein seiner Endlichkeit zu leben.

Die große Mehrheit aller Eltern wollen das Beste für ihr Kind, mit oder ohne ADHS. Sie handeln auf Grundlage dessen, was sie für das Beste halten, ohne zu wissen oder auch nur wissen zu können, was das Beste war, ist oder jemals sein wird in einem Leben, dessen Verlauf nicht vorbestimmt ist. Jeder erwachsene ADHS-Betroffene möge für sich selbst entscheiden, was gut für ihn ist, eingedenk seiner eigenen Erfahrungen und des Wissens anderer. Mit der ADHS-Diagnose ist es wie mit einem Buch oder einer Mahlzeit, wenn man bereits viel weiß und gerade satt ist: Jede neue Perspektive kann ein Gewinn sein und ein Dessert köstlich schmecken, obgleich man weder nach Erkenntnis noch Nahrung hungert. Wer aber jedes Buch zur Bibel erhebt und auch dann noch weiterisst, wenn ihm bereits schlecht ist, dem ist nicht zu helfen.


Zum Artikel:

https://www.scientificamerican…e/we-need-to-rename-adhd/

ADHS: Nein, Ihr Kind ist nicht krank!